October 12, 2007

Dolmetschen oder Vortrag

Category: Dolmetschen – Author: admin – 10:00 am

Der stotternde Start und andere Auffälligkeiten

Montag,8. Oktober

Wer ist eine halbe Stunde zu früh am Treffpunkt? Natürlich die Dolmetscherin. Zwanzig Minuten vorher kommt der deutsche Techniker. Wir müssen warten, denn wir wissen nicht, wohin.
Nach zwei Bechern scheußlichen Instantkaffees aus dem Automaten kommt zwei Minuten nach acht, als die Veranstaltung eigentlich schon im Gange sein sollte, ein freundlicher Schweizer und sucht uns, denn schließlich warten sie schon. Das stellt sich als übertrieben heraus, denn ungefähr die Hälfte der Leute fehlt noch, darunter der Schweizer Projektleiter, der zur Einführung sprechen soll. Nach der Feststellung, es sei schließlich Montagmorgen (bezogen auf die Staus in der Stadt), warten wir weiter. Um 8.20 Uhr sind wir vollzählig, fünf Minuten später geht es los.

Merksatz 1: Schweizer lieben Papier. Folien, Vorträge, Handbücher, Anleitungen und Merkblätter sind ausgedruckt und werden verteilt. Das läuft am ersten Tag noch nicht so geordnet ab, weil einige Dokumente noch kurzfristig geändert wurden, geändert werden müssen oder irgendwie noch nicht fertig sind. Am Nachmittag des 2. Tages hat sich das aber alles eingespielt. Na ja, fast alles, das zentrale Dokument wird im Laufe der ersten drei Tage ungefähr 4 Mal geändert. Ich erfahre vom deutschen Techniker, daß dieses Dokument im Laufe der vorherigen Montage bereits mehrere Male geändert und ungefähr zwei Mal neu geschrieben wurde.
Was fertig ist, ist die Tagesordnung, die als erstes vorgestellt wird.

Dann hält der Projektleiter seinen Einführungsvortrag und verabschiedet sich bis zum nächsten Morgen.
Auftritt Dolmetscherin: Das ist nicht so einfach, in einer Fremdsprache einen Vortrag so abzulesen, daß er nicht abgelesen klingt, gleichzeitig die Folien auf dem Laptop weiterzuschalten und mit dem Mauszeiger auf den Folien die wichtigen Punkte zu zeigen. Ich gebe ja zu, am ersten Tag war mein Vortragsstil noch recht erratisch etwas gewöhnungsbedürftig ausbaufähig. Nach wenigen Sekunden Stillstand verschwindet der Mauszeiger, und beim Bewegen der Maus, damit er wieder angezeigt wird, habe ich es jedesmal geschafft, auf die letzte oder vorhergehende Folie zu springen. Schuld sind aber immer die anderen, denn der angeforderte Laser-Pointer oder zumindest Zeigestab wurde erst am zweiten Tag gefunden. Leichtes Stottern und Verhaspeln war ebenfalls festzustellen. Allerdings habe ich mir auf meinem Konzept auch immer markiert, wenn der (von einem Techniker der deutschen Auftraggeber als Erläuterung zu den Folien erstellte Text, also eine Schreibe, keine Rede) beim Vortrag zu unhandlich war, gekürzt werden muß oder die Zuhörer irgendwie gar nicht interessiert. Auch die Zwischenfragen habe ich notiert, genauso die Anmerkungen der Fachleute, um sie für die nächsten Tage einzubauen. Nach einer dreiviertel Stunde ist es geschafft.

Merksatz 2: Schweizer lieben Pausen.
In der Frühstückspause gibt es Croissants und Kaffee oder Tee. Die Pause ist heilig, das Ende „tendenziell offen“.

Nach der Pause die nächste Überraschung. Auf die Aufforderung „Dann tragen Sie mal vor“ muß Dolmetscherin feststellen, daß sie das nicht kann und eigentlich erwartet, daß ein Deutscher etwas über das Signalauswertungsprogramm erzählt, was sie dann dolmetscht. Von deutscher Seite was das eindeutig anders vorgesehen, wurde aber nicht kommuniziert. Auf Schweizer Seite hält dann ein Praktiker den Vortrag und zeigt das Programm anhand des Demo-Koffers.
<Anmerkung der Dolmetscherin: Heute war der dritte Tag, und ich werde den Vortrag wohl morgen alleine halten oder zumindest halten können.>

Es folgt die Mittagspause (siehe Merksatz 2). Gemeinsames Essen in der Cafeteria ist nicht vorgesehen, aber in einer Laufentfernung von zwei Minuten gibt es Bistros und eine Bäckerei mit „Sitzcafé.
Der morgendliche Nebel hat sich verzogen, und ich kann danach wunderbar an der Rhône sitzen, die Strömung und die Wasservögel beobachten.

Nachmittags ist Praxis angesagt. Die Schweizer Monteure werden in die Fahrzeuge geschickt, um vor Ort das die Software zu laden, das Programm einmal durchlaufen zu lassen und dann die vorher eingebauten Fehler zu finden.
Nachdem die beiden Gruppen jeweils von einem fachkundigen Schweizer angeleitet werden, bin ich hauptsächlich für Rückfragen an den deutschen Fachmann zuständig. Zwischendurch ändern wir noch die Unterlagen bzw. ich prüfe die Dokumente der deutschen Seite noch mal auf sprachliche Korrektheit.

Feierabend ist um 16 Uhr.
Allerdings verbringe ich den Abend damit, an meinem Vortrag zu feilen und ein noch fehlendes Dokument zu übersetzen. Erschwert wird das Ganze nicht unerheblich dadurch, daß mein Laptop irgendwie nicht so will wie ich. Er fährt nicht hoch und hängt sich auf. Ganz zu schweigen von der W-Lan-Verbindung im Hotel! Ein Drama! Wenn der Laptop die Karte erkennt und ein Netz findet, bricht alles zusammen. Meist allerdings bricht alles zusammen, ohne daß er ein Netz findet. Das war beim letzten Mal in Genf schon genauso, und zu Hause hat alles funktioniert. Na gut, so eineinhalb Stunden habe ich auch mit solchen Problemen verbracht.
Den vernachlässigten Nachtschlaf konnte ich erst in der dritten Nacht so einigermaßen aufholen.

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