Das hat frau nun davon!
Am Donnerstag noch habe ich mich im Spaß beschwert, ich hätte nicht genug zu dolmetschen, weil vieles von den Schweizern direkt auf Französisch abgehandelt wird. Ein gemumeltes «Morgen können Sie dann den zweiten Teil machen» macht Hoffnung.
Freitag nacht: Ich kann kaum schlafen, habe fürchterliche Halsschmerzen. Irgendwie habe ich so meine Schwierigkeiten mit dem Hotelzimmer. Die Luft ist trocken, es ist zu warm, wenn ich das Fenster aufmache, ist es schrecklich laut, auch nachts, außerdem kalt. Wenn ich die «Klimaanlage» einschalte, rattert und rauscht die Belüftung beängstigend, es zieht, und kalt ist auch auch, weil sie sich nicht regeln läßt, sondern nur ein- oder ausschalten.
Morgens bin ich nicht gerade fit, aber ich kann ja nicht mehr zurück.
Die Schulung findet im anderen Verkehrsdepot statt, ich muß also noch eine Viertelstunde früher losfahren. Immerhin bin ich so früh da, daß ich noch mal in die Cafeteria geschickt werde. Ich sehe wohl so aus, als hätte ich einen Kaffee nötig.
Ich stelle nach meinem allgemeinen Vortrag also auch das Computerprogramm auf Französisch vor. Wirklich gut unterstützt werde ich dabei vom Schweizer «Chefmonteur», der sich mit allen technischen Belangen der Sensoren gut auskennt. Immer wenn irgendwas unklar ist oder er etwas zu einzelnen Fahrzeugtypen ergänzen möchte (was ich natürlich nicht wissen kann), ergreift er das Wort. Manchmal wird es schwer für mich, überhaupt noch etwas einzuwerfen.
Auch nachmittags ist Arbeit angesagt. Für zwei Gruppen ist nur ein «Aufpasser» da. Ich übe also mit der zweiten Gruppe die Praxis anhand des Computerprogramms. Irgendwie geht das alles zu leicht. Ich erinnere mich, daß bei so schwierigen, weil großen, Fahrzeugen wie Straßenbahnen irgendetwas zu beachten war. Unsere Meßergebnisse sind zwar irgendwie eigenartig, aber das kann viele Ursachen haben. Wir führen die Abweichungen darauf zurück, daß wir nicht wirklich aus der Tür aussteigen und durch eine andere wieder einsteigen, um die Fahrgastzählung in der Praxis zu testen, weil die Straßenbahn eng von einem Gerüst umschlossen ist, über das man die Aufbauten auf dem Dach prüft, und so gar kein Platz zum Ein-und Aussteigen ist. Wir haben die Fahrgäste also mit einem Blatt Papier simuliert. Nachdem wir uns alle einig sind, daß das System hervorragend funktioniert, stellt sich heraus, daß wir gerade den entscheidenden Punkt übersehen haben. Soviel zur Praxistauglichkeit nicht von Übersetzerinnen im allgemeinen, sondern von mir im besonderen. An der Sprache hat es aber nicht gelegen! Ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig es ist, Ahnung von dem zu haben, was frau übersetzen oder dolmetschen soll!
Bei der Planung der Reise hatte ich die Wahl, über das Wochenede zurück nach Berlin zu fliegen oder in Genf zu bleiben. Natürlich habe ich mich für Genf entschieden. Und den Fehler gemacht, am Donnerstag laut festzustellen, daß irgendwie nicht genug andere Aufträge reinkommen.
Es passiert also, was passieren muß. Am Freitag kommen zwei Übersetzungen eines altgedienten Kunden und ein Auftrag eines neuen Kunden, eben des Unternehmens, für das ich in Genf bin.
Alle drei auf Englisch, wo alle Wörterbücher in Berlin liegen. Die Texte des Altkunden sind kein großes Problem, denn da kenne ich das Fachgebiet seit 20 Jahren, Wörtersuche und -klärung erfolgen problemlos per Internet und E-Mail.
Für den anderen Auftrag werde ich erst einmal eine Wörterliste anlegen. Einige freigegebene Übersetzungen technischer Dokumente liegen im Internet vor. Das ist umso wichtiger, als das Unternehmen in der Anfrage insbesondere die mangelnde Konsistenz der Terminologie externer Übersetzer bemängelt hat. Im Klartext: es ist gerade bei schwierigen technischen Zusammenhängen wie Elektronik und Computertechnik wichtig, daß jeder Fachbegriff immer mit demselben Wort in der Fremdsprache wiedergegeben wird. Nur so kann man sicherstellen, daß der Nutzer der Übersetzung nicht verwirrt wird, sondern sich auf seinen Text verlassen kann.
Das Wochenende in Genf war also dem Verhindern einer Erkältung, zwei Übersetzungen und dem Erstellen einer Wörterliste gewidmet.
Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt!
Die technischen Probleme einer Übersetzerin im Ausland werden demnächst geschildert.